Der Beginn einer neuen Zeit

In der Zeit nach dem großen Brand 1962 trat das bäuerliche Leben in unserer Gemeinde immer mehr in den Hintergrund. Die dörfliche Struktur hatte sich geändert, und immer mehr landwirtschaftliche Betriebe gaben auf oder mußten aufgeben, auch wenn vorher noch viel Geld in Maschinen investiert worden war.

Die "gute, alte Zeit" hatte ihr Ende gefunden, die Zeit der Dorfgemeinschaft, der harten Arbeit, der Genügsamkeit. Doch wer wollte zurück?

 
Müller
Mühle "Eine Mühle mit zwei Mahlgängen, einem Gerbgang, einem Ölgang und einer Hanfreibe liegt außerhalb des Ortes," berichtet die Oberamtsbeschreibung von 1876. Den Namen Mühle trägt das Gebäude heute noch, aber daß es einmal als Mühle in Funktion war, sieht man ihm nicht mehr an. Es ist auch schon fast ein gutes Menschenalter her, daß ihre Steine zum letzten Mal Korn zu Mehl mahlten. Im Jahr 1912 stellte ihr letzter Besitzer, Anton Hauschel, den Betrieb ein.
Die Schörzinger Mühle wurde 1742 unter Vogt Joseph Hafen erbaut. Hierzu mußte die Gemeinde 1.463 Gulden aufbringen. Eine Summe, die die Gemeinde wegen der Lasten im Zusammenhang mit dem östereichischen Erbfolgekrieg kaum verkraftete.

Vor 1742 durften die Schörzinger ihr Getreide nur in der Delkofer Bannmühle mahlen lassen, die wegen des Wassermangels stets Grund zur Klage gegeben hatte. Aber auch die Schörzinger Mühle hatte Probleme mit dem Wasser, das vom Starzelbach über einen hölzernen Kanal auf ein oberschlächtiges Wasserrad geleitet wurde. Bei Trocknheit konnte über längere Zeit nicht gemahlen werden. Anfangs wollte man diesem Zustand durch die Anlage eines Mühleweihers - heutiges Gewann Weiher unterhalb des Oberhohenbergs - abhelfen.

Dieser bestand allerdings nur bis 1793, denn für den Müller Chr. Hafen war der Weiherplatz als Viehweide begehrter denn als Wasserspeicher. Es gab demnach für die hiesige Mühle nie eine rechte Blütezeit.

Trotzdem war sie nicht nur Getreidemühle, sondern auch Ölmühle. Die Einrichtungen "Ölgang" und "Hanfreibe" deuten auf den Anbau von Mohn, Hanf und Flachs hin. Die beiden letzteren sind Faserpflanzen, deren Anbau in Schörzingen nicht unbedeutend war. Beide tragen nach der Reife ölhaltige Samen. Die Samenkapseln wurden an den Riffeln (Eisenkämme) entfernt. Leinöl fand hauptsächlich beim Maler zur Herstellung von Ölfarben Verwendung, daneben wurde es auch für Ölfunzeln verwendet.

 
 
Leinweber
Die zum Spinnen geeigneten Fasern der Hanf- und Flachspflanzen mußten aus dem holzigen Stengel befreit werden. Dies geschah in sogenannten Brechen oder in einer Hanfreibe, wie sie heute noch im Freilichtmuseum "Vogtsbauernhof" zu sehen ist. Das Gewerbesteuerkataster der Gemeinde Schörzingen weist 1889 noch elf Leinweber aus. Da der Anbau von Hanf und Flachs besonders erwähnt wird, ist anzunehmen, daß diese Leinweber hauptsächlich in Schörzingen erzeugtes Rohmaterial verarbeiteten. Die Produkte dieses Hausgewerbes, vor allem Bettwäsche, wurden teilweise im eigenen Dorf abgesetzt oder aber auf den naheliegenden Märkten in Rottweil, Wehingen und Schömberg. Zuweilen wurden sie auch an fahrende Händler verkauft. Durch die danach einsetzende industrielle Textilerzeugung ging diese Verdientstmöglichkeit jedoch bald verloren.


Leinweber
   
   
Schuster
Die Schuster hatten nicht nur für die Gemeinde zu arbeiten. Viele waren Zuarbeiter für Tuttlinger Schuhbetriebe. Mit dem Aufkommen größerer Schuhfabriken verloren sie zusehends ihre Heimarbeit, was auch daran zu erkennen ist, daß 1893 die Zahl der Schuhmacher um die Hälfte zurückging.

Solange sie Arbeit hatten, kam ausreichend Essen auf den Tisch. Fehlte sie aber, so gab es wieder - wie K. Seifriz berichtet - "Suppe am Morgen, Suppe am Mittag, Suppe am Abend und dazu gesottene Erdäpfel und geronnene Milch."

   
   
Maurer und Gipser

Von den Maurern und Gipsern weiß man, daß diese während der Sommermonate hauptsächlich im Elsaß, in der Schweiz und in der Gegend um Freiburg tätig waren, ähnlich den heutigen Gastarbeitern. Erstmals erfahren wir darüber 1852, als die Gemeinde sich mit folgendem Schreiben um die Naubauarbeiten des Kaplaneihauses und des Ökonomiegebäudes bemüht:
"Da in gegenwärtiger Zeit der Verdienst mangelhaft ist, zudem die Gemeinde zu einer der ärmsten des Bezirks gehört, die Markung viel zu klein ist, die große Seelenzahl (1060 Einwohner) zu ernähren, so daß die Leute ihr Geld als Bauhandwerker im Ausland verdienen müssen, so wäre man geneigt, den Bau von Seiten der Gemeinde zu übernehmen."

Vom Frühjahr bis zum Herbst waren sie in der Fremde, während Frau und Kinder zu Hause die Landwirtschaft besorgen mußten. Nur zu besonderen Anlässen wie Kindstaufen oder bei Todesfall kamen sie für kurze Zeit heim. Geld wurde nach Hause geschickt oder im Spätherbst mitgebracht. Unsere ältesten Einwohner wissen noch, wie manche, die das Geld schon in der Fremde "durchbegracht" hatten, noch schnell beim "Dicke-Mathesle" Geld ausgeliehen haben, um der Familie nicht mit leeren Händen gegenübertreten zu müssen.

   
   
Steinhauer

Einen inzwischen ausgestorbenen Bauhandwerksberuf übten die Steinhauer aus, die ebenfalls ihr Brot meist in der Fremde verdienten. Brecheisen, Schlegel, Hammer und Meißel waren ihr Handwerkszeug, mit dem sie Steine brachen und in Form brachten.

Schörzingen hatte übrigens am Oberhohenberg, Vorm Berg (Wochenberg) und auf Thürnen eigene Steinbrüche. In einem Gemeinderatsprotokoll über den Schulhausbau von 1816 (alte Schule gegenüber der Kirche) sind die letzten beiden Steinbrüche erwähnt: "Für eine Fahrt Stein aus Thürnen und vorm Berg wird bezahlt auf 1 Stück, mag sein Roß, Kuh oder Stier, drei Kreuzer."

   
   
Zimmerleute

Die Zimmerleute, so berichtet das Protokoll, erhielten für das Beschlagen (Zuhauen) des Holzes von einem ganzen Stamm 15 Kreuzer. Noch zu Beginn der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts haben hiesige Zimmerleute auf der "Hagewies" auf dem Bohl mit ihren haubeilen aus Baumstämmen Balken zugehauen.



Wagner und Schmiede
Wagner

Wagner und Schmied, zwei der wichtigsten dörflichen Handwerker, haben im Lauf der Zeit ihre Bedeutung verloren. Den letzten Leiterwagen stellte Wagner Alfons Weinmann zusammen mit Schmied Johann Bayer 1937 für die Gemeinde her.

Gleichsam als Überbleibsel aus bäuerlicher Zeit steht die alte Schmiede, die mittlerweile in neuem Glanz erstrahlt, noch an der Hauptstraße. Längst haben die Hallen der beiden Landmaschinen -Verkaufs- und Reparaturbetriebe ihre Stelle eingenommen.

Schmiede

Bierbrauer
Gasthaus Neuhaus Die Bierbrauer ragten aus den üblichen Berufen hervor. Adler, Lamm und Löwen waren sogenannte Schild-Wirtschaften mit kleinen Brauereien, in denen das Bier für den dörflichen Bedarf gebraut wurde. Noch heute sind die ehemaligen Braukeller, der "Lamm-Keller" in der Weilener Straße, der Keller im Adler-Buckel des abgebrannten Gasthauses "Adler" gegenüber der alten Schmiede und der Löwen-Keller im Garten des Andreas Angst (Lehenbrunnenstraße) vielen Einwohnern in Erinnerung. Adler, Lamm und Löwen, das Gasthaus Neuhaus zum Wilden Mann und später das vom ehemaligen Lamm-Wirt Schwarzwälder erbaute Gasthaus zum Bahnhof haben als Treffpunkt für jung und alt seit Generationen das dörfliche Leben mitgeprägt.
   
   
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